Eine Sprunginnovations-Agentur baut 2026 die Pflichten ab, die der Bund nicht abbauen kann. Das ist kein Skandal, sondern eine Diagnose.
Anlass: Ein leiser Selbstbruch in einem Briefing
In einem aktuellen Tagesspiegel-Background-Interview spricht Rafael Laguna, Gründungsdirektor der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), über das, was seine Agentur gerade tun muss: die EUDI-Wallet bauen, die digitale Brieftasche, mit der Bürger ab Ende 2026 Personalausweis, Führerschein und mehr in Apps tragen sollen. Eine Pflichtaufgabe aus Brüssel, eIDAS 2.0, Frist nicht verhandelbar. Das BMDS, das junge Digitalministerium von Karsten Wildberger, hat den Job an SPRIND gegeben.
Laguna verteidigt das Arrangement, aber verrät dabei mehr, als er möchte. In einem Schwester-Briefing nennt er die Wallet- Beauftragung selbst eine Doppelförderung. Das Wort wirkt klein, ist aber ehrlich. Eine Agentur, die für Sprunginnovation gegründet wurde, also für die Pferdewette auf 2030 oder 2050, baut nebenbei die Pflicht für 2026.
Das wäre eine kuriose Notiz, wenn sie ein Einzelfall wäre. Sie ist es nicht.
Drei Doppelrollen, eine Werkstatt
Wer SPRINDs aktuelle Großprojekte nebeneinander legt, sieht ein Muster.
Erstens, die EUDI-Wallet. SPRIND hat die Architektur entworfen, die Sandbox aufgebaut, Wettbewerbe ausgeschrieben, Prototypen finanziert. BMDS steuert politisch, BSI prüft Sicherheit, SPRIND führt aus. Das Blueprint-Dokument auf der OpenCoDE-GitLab-Instanz des Bundes nennt SPRIND ausdrücklich „Projektdurchführung und operative Umsetzung“ die Hände, mit denen das Ministerium baut.
Zweitens, Next Frontier AI. Lagunas Lieblingsprojekt im Originalauftrag, die europäische Antwort auf OpenAI und Anthropic, oft als „CERN für KI“ annonciert. Die Plattform next-frontier.ai läuft auf SPRIND. Frontier AI ist exakt das, wofür die Agentur 2019 gegründet wurde. Nur: derzeit existiert sie eher als Versprechen als als Plattform.
Drittens, Mein Bildungsraum. Eine BMBF-Plattform, die Schüler, Studierende und Lehrende mit Bildungsangeboten und Zertifikaten verknüpfen soll. Tagesspiegel-Background berichtet seit Wochen, dass auch dieses Projekt zunehmend bei SPRIND landet, Betriebsmodell 2026, Regelbetrieb 2027.
Drei Großprojekte. Eine Agentur. Zwei davon sind keine Sprunginnovationen, sondern Pflichten, die die Linien-Verwaltung nicht stemmt.
Kein Skandal, sondern ein Symptom
Es ist verlockend, daraus eine Empörungsgeschichte zu machen: SPRIND werde zweckentfremdet, der Visionsauftrag verschwimme, die Republik versündige sich an ihrer eigenen Innovationspolitik.
Das wäre falsch.
Der Punkt ist nicht, dass SPRIND falsch eingesetzt wird. Der Punkt ist, dass SPRIND die einzige funktionierende Implementations-Hand des Bundes ist, an die das BMDS überhaupt greifen kann. Ohne SPRIND gäbe es keine deutsche Wallet-Sandbox. Sie säße in einer Bundesdruckerei-Konsortial-Schleife, in einer Verimi-Verhandlung, oder gar nicht. Die Wallet ist nur, weil SPRIND sie baut.
Dasselbe Muster sieht man, wenn die Bundeswehr-IT-Tochter BWI plötzlich den Bundesmessenger für die zivile Verwaltung beisteuern soll, weil Signal nicht hinreichend abgesichert ist und Wire es auch nicht ganz ist, greift man zu der Stelle, die nachweislich liefern kann: ein Sonderkörper aus dem Verteidigungsministerium.
Eine Linien-Verwaltung, die ihre eigenen Pflichten an Sonderkörper auslagern muss, sagt etwas aus über den Zustand der Linie. Nicht über die Sonderkörper.
Was Wildberger fordert und SPRIND tatsächlich baut
Im April 2026 schrieb Karsten Wildberger einen Handelsblatt- Gastkommentar, der einen Befund mit Wirkung lieferte: „Deutschland denkt in Projekten, nicht in Produkten.“ Es brauche Plattformen statt Einzelinitiativen. Maßstäbe, die im Betrieb wachsen, nicht in Pilotphasen sterben.
Eine kurze, scharfe These. Aber eine ohne eigene Hand.
Wildberger fordert Plattformen. Und die einzige Stelle im Bund, die im April 2026 tatsächlich an einer Plattform baut, die diesem Anspruch genügen könnte, ist SPRIND. Ohne dass die Agentur für diese Plattform-Aufgabe finanziell, strukturell oder personell vorgesehen wäre. Lagunas „Doppelförderung“ ist die ehrliche Beschreibung des Mechanismus: Wildberger fordert auf der Bühne, SPRIND liefert hinten in der Werkstatt.
Das ist die eigentliche Geschichte. Der deutsche Staat hat gelernt, dass er ohne eine Sprunginnovations-Agentur seine Pflichten nicht mehr erfüllen kann. Das ist keine schlechte Nachricht für SPRIND, es ist eine Bestätigung. Es ist eine sehr schlechte Nachricht für alle, die glauben, der Staat baue solche Plattformen aus eigener Kraft.
Vision, mit Pflicht bezahlt
Laguna hat in dem Briefing zwei Sätze fallenlassen, die zusammengehören, wenn man sie nebeneinander legt: „Uns fehlt eine strategische Koordinierung.“ Und: „Uns fehlt eine Vision für Europa 2050.“
Der zweite Satz klingt wie der Verlust eines Originalauftrags. Eine Bundesagentur für Sprunginnovationen, deren Direktor öffentlich beklagt, dass es keine Vision für 2050 gibt — das ist eine Selbstdiagnose. Die Vision für 2050 sollte die Agentur selbst entwerfen helfen. Wenn sie es nicht kann, liegt das auch daran, dass ihre Hände voll sind mit den Pflichten von 2026.
Die Werkstatt für 2050 ist die Werkbank für 2026 geworden.
Das ist das Bild, mit dem man diesen Vorgang sehen muss. Es zeigt, dass der Bund seine Sonderbau-Werkstatt hochskaliert hat und dass diese Werkstatt jetzt das ist, was er nicht selbst kann. Die Wallet wird gebaut. Die Frontier AI wird angeschoben. Der Bildungsraum wird übernommen. Aber die Vision für die nächste Dekade, für die diese Agentur eigentlich gegründet wurde, kommt nicht mehr aus ihr selbst, sondern aus der Diagnose ihrer eigenen Überlastung.
Eine Agentur, die ihren Visionsauftrag damit verteidigt, dass sie ihre Pflichten erfüllt, hat den Visionsauftrag bereits verloren.
Das ist nicht Lagunas Versagen. Es ist auch nicht das Versagen des BMDS. Es ist der Stand der deutschen Verwaltung 2026 — und je früher der Diskurs darauf reagiert, desto besser.
Quellen
Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI: „Uns fehlt eine Vision für Europa 2050″ – Interview mit Rafael Laguna (SPRIND), 30. April 2026; Schwester-Briefing „Sprind stellt vier Eudi- Wallet-Prototypen vor“. Laguna-Zitate dieses Stücks paraphrasierend, nicht mit dem Volltext der Paywall-Briefings abgeglichen.
Karsten Wildberger: „Deutschlands Digitalproblem – Viele Projekte, wenig Produkte“, Handelsblatt-Gastkommentar, 4. April 2026.
BMDS / SPRIND: EUDI-Wallet-Architektur-Blueprint (OpenCoDE-GitLab) und Sandbox-Start am 27. Januar 2026 (Pressemitteilung 04/2026 des BMDS).
Verordnung (EU) 2024/1183 (eIDAS 2.0) – Frist für nationale EUDI- Wallet bis Ende 2026; Verordnung (EU) 2025/327 (European Health Data Space) – Schwester-Architektur, als Beispiel paralleler EU-Plattformbauten.

