Warum binden Behörden die eID nicht direkt ein?

19. Juli 2026 · Ann Cathrin Riedel, Managing Director NExT e. V. · Digitale Identitäten, eID, Nutzungsquote

„Der ganze Prozess ist eine Katastrophe. Jede Bank, jede Versicherung, alle können eine 2-Faktor-Authentifizierung.“ Der Satz stammt aus einem Usability-Test und steht im NExT-Impulspapier Digitale Identitäten im Alltag, das sieben Fallstudien verschiedener Organisationen zusammenführt. Riedel stellte es Mitte Juli vor und hob eine Paradoxie hervor: Die Anmeldung über BundID und AusweisApp wird von Nutzenden zunächst als Signal für Sicherheit und Seriosität gelesen, und genau an diesem Schritt brechen die meisten ab.

Die Größenordnung dahinter steht im Papier: Bei Diensten mit Identifikationspflicht liegen die Abbruchquoten zwischen 70 und 90 Prozent, in Hamburg bei 91 Prozent, bei der Kfz-Zulassung in Baden-Württemberg bei 85 Prozent, was den Zulassungsstellen dort rund 82.000 zusätzliche Arbeitsstunden im Jahr einträgt. Die eID selbst ist bei 66 von 851 digitalen Verwaltungsleistungen überhaupt einsetzbar.

Riedels Erklärung sitzt auf der Annahmeseite: Für viele Behörden ist die direkte Einbindung der eID zu teuer und zu komplex, es fehlt ein einfacher kostenloser eID-Server, und Berechtigungszertifikate kosten Geld. Der Umweg über BundID ist für die Behörde bequemer als für die Bürgerin.

Im Thread wurde daraufhin auf vier verschiedenen Ebenen geantwortet. Matthias Hundt, CDO und früher Staatssekretär für Digitalisierung, hielt die Befunde für „überwiegend alte Hüte“ und verwies auf den Kabinettsbeschluss zum Digitale-Identitäten-Gesetz vom 20. Mai 2026; entscheidend sei jetzt die Umsetzung, denn „ein Gesetz löst nie Probleme, es schafft nur die Rahmenbedingungen“. Till von Ahnen verortete das Problem im Code: Es fehle eine offene Referenzimplementierung für einen eID-Server, das vorhandene Testbed sei „disfunktional und umständlich“, nötig wäre ein Aufsetzen so einfach wie bei gängiger Open-Source-Software. Götz Galuba verschob es in die Organisation: Behörden fehlten sowohl eigene Fähigkeiten als auch Auftraggeberfähigkeiten, weshalb Haushaltsrecht, Beamten- und Tarifrecht hätten mitangepasst werden müssen. Gregor Bransky zielte auf den Markt und die Rolle der Bundesdruckerei, die situativ zwischen staatlicher Stelle und privatem Anbieter wechsle.

Mein Einwurf setzte an dem Baustein an, der in allen vier Antworten fehlte:

Die Umweg-Beobachtung verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt: Behörden binden die eID nicht direkt ein, weil ihnen der Weg zu teuer und zu komplex ist. Damit sitzt der Engpass auf der Annahmeseite, und der Faden hier zeigt schon zwei Bausteine der Lösung: eine offene Referenzimplementierung und bezahlbare Berechtigungszertifikate. Der dritte wird gern vergessen: Betrieb. Ein kostenloser eID-Server wird erst dann zur Lösung, wenn ihn jemand als Produkt führt, mit Releases, Support und einer Roadmap, auf die sich eine Kommune verlassen kann. Auch die geforderte Nutzungsquote als Erfolgsmaß zielt dorthin: vorher vereinbarte Erfolgskriterien, die hinterher jemand bewertet, sind der Unterschied zwischen Pilot und Produkt.

Offen bleibt, wer die Nutzungsquote als Maßstab tatsächlich setzt und gegen wen sie gilt. Und ob die EUDI-Wallet, die zum 2. Januar 2027 live gehen soll, die Annahmeseite anders löst als BundID, oder ob sich das Kostenproblem der Einbindung dort wiederholt.

Stand: 1. August 2026. Original-Post. Zahlen aus dem NExT-Impulspapier „Digitale Identitäten im Alltag“, Juli 2026.


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