24. Juni 2026 · Prof. Holger Schmidt, F.A.Z. · KI-Produktivität, Urteilskraft, Kompetenz
Holger Schmidt, der bei der F.A.Z. das Ressort Digitalwirtschaft verantwortet, fasste Ende Juni die dritte KI-Konferenz seines Hauses zusammen. Auf der Themenliste standen unter anderem Monika Schnitzer zu Rechenkapazität und Tempo, Karsten Wildberger mit der Forderung nach einer „Kraftanstrengung bisher nicht gekannten Ausmaßes“, dazu Analysen zum ersten nennenswerten Produktivitätsschub durch KI in Deutschland und ein Beitrag mit dem Titel „Wenn die Maschine das Denken übernimmt“.
Zwei Befunde aus seiner Keynote-Zusammenfassung stehen dabei nebeneinander, ohne dass die Verbindung ausgesprochen wird: dass die Gewinner jene sein werden, die KI-Ergebnisse am schnellsten verifizieren können, und dass 82 Prozent der Befragten fürchten, das Denken zu verlernen.
Mein Einwurf verband beides:
Stark zusammengefasst. Ein Gedanke dazu: Sie sagen, die Gewinner sind die, die KI-Ergebnisse am schnellsten verifizieren können, und zugleich fürchten 82 Prozent, das Denken zu verlernen. Das ist dieselbe Münze. Der Wert verschiebt sich von der Ausführung zur Urteilskraft, und die entsteht nur, wenn man die Sache einmal ohne KI verstanden hat. Ihre 70-Prozent-Schwelle ist insofern eher eine Urteils- als eine Technik-Schwelle.
Der Punkt hat eine unbequeme Konsequenz für die Weiterbildungsdebatte. Wer prüfen können soll, muss die Sache beherrschen, und diese Beherrschung entsteht durch das Tun, das gerade abgegeben wird. Eine Organisation, die ihre Einstiegsaufgaben automatisiert, spart genau die Arbeit ein, an der die Urteilsfähigkeit der nächsten Generation wachsen würde.
Im Thread setzte Andreas Seum ein anderes Argument daneben: Europas stärkstes Pfund seien 150 Jahre Prozesswissen, auf das kein System trainiert wurde, weil es in den Fertigungshallen lebt und in keinem Textkorpus steht. Ob europäische Unternehmen das erkennen, bevor andere es tun, hielt er für die offene Frage.
Offen bleibt, wie sich Urteilskraft überhaupt messen ließe. Für Produktivitätsgewinne durch KI gibt es Kennzahlen, für die Fähigkeit, ein plausibel klingendes Ergebnis als falsch zu erkennen, keine.
Stand: 2. August 2026. Beide Zahlen nach der Zusammenfassung des Autors. Original-Post.
