7. Juli 2026 · Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin Initiative D21 · Digitale Identitäten, EUDI-Wallet, Adaption
Lena-Sophie Müller sortierte Anfang Juli ihre Gedanken aus einem Themenforum beim nordrhein-westfälischen CDU-Landesparteitag und stellte die Erfolgsfrage neu. Ihre Ausgangszahlen: Jede zweite Person in NRW hält die digitalen Angebote der Ämter für zu wenig leistungsfähig, 34 Prozent vertrauen dem Staat, 32 Prozent den Behörden.
Beim Thema digitale Identität benannte sie das deutsche Grundproblem als Konkurrenz im eigenen Haus: BundID, Online-Ausweis und Elster-Zertifikat ringen um Verständnis und Nutzung, die EUDI-Wallet kommt hinzu, und die Zusammenhänge erschließen sich den Nutzenden nicht. Umfragedaten zeigen laut Müller einen klaren Wunsch nach einer einheitlichen Lösung. Als Gegenbeispiel führte sie ID Austria an: eine Haupt-Identität mit 77 Prozent Verbreitung, nutzbar an über 500 Amtswegen und bei privaten Diensten, dazu eine Kommunikation, die auf ein Hauptprodukt setzt. Ihr Schluss: „Wir sollten die Erfolgsdebatte vom Start zur Adaption verschieben, dorthin, wo Vertrauen wächst“, verbunden mit dem Wunsch, dass Kommunen ihre Nachweise vom ersten Tag an in die Wallet einstellen, vom Freibad- bis zum ÖPNV-Ticket.
Mein Einwurf verschob den Engpass von der Ausweisseite auf die Gegenseite:
Der Perspektivwechsel von Start zu Adaption trifft den Kern. Aus Wallet-Sicht sitzt der Engpass weniger beim Ausweis selbst als bei den annehmenden Stellen: Eine ID wird erst dann Alltag, wenn genug Behörden und Private sie als Relying Party ohne große Hürde einbinden. Die ID Austria ist auch deshalb Haupt-ID, weil die Annahmeseite mit 500+ Amtswegen und privaten Diensten schon steht. Ihr Wunsch, dass Kommunen ihre Nachweise von Tag eins einstellen, ist genau dieser Hebel. Vielleicht ist die eigentliche Frage weniger „eine ID oder viele“, sondern wie schnell die Annahmeseite skaliert. Dort entscheidet sich, ob Adaption entsteht.
Zwölf Tage später lieferte das NExT-Impulspapier zu digitalen Identitäten die Zahlen zu genau diesem Engpass: Die eID ist bei 66 von 851 digitalen Verwaltungsleistungen überhaupt einsetzbar, und Behörden weichen auf den BundID-Umweg aus, weil die direkte Einbindung für sie zu teuer und zu komplex ist. Die Debatte darüber steht im Eintrag Warum binden Behörden die eID nicht direkt ein?.
Offen bleibt, ob der Vergleich mit Österreich in der Adaptionsfrage trägt. ID Austria ist auch deshalb Haupt-Identität, weil es keine Konkurrenz im eigenen Land gab. Ob Deutschland eine gewachsene Dreiteilung nachträglich zusammenführen kann, ist eine andere Aufgabe als der Aufbau einer einzigen Lösung.
Stand: 1. August 2026. Zahlen nach Angaben der Autorin. Original-Post.
