Was fehlt einer Open-Source-Infrastruktur außer der Lizenz?

22. Juli 2026 · Michael Kreil und Sabine Grützmacher · Open Source, Finanzierung, Trägerschaft

Michael Kreil, Datenjournalist und Entwickler, entwickelte 2023 beim SWR ein quelloffenes Kartensystem für die ARD. VersaTiles deckt ab, was interaktive Karten brauchen: Kartengenerierung, Satellitenbilder, 3D-Gelände, Hosting, Design, Dokumentation, Werkzeuge. Ein Jahr später wurde er ohne Begründung freigestellt und entlassen. Heute nutzen nach seinen Angaben mindestens 70 Projekte in 19 Ländern das System, die ARD hostet es selbst, hat es in ihr Redaktionssystem integriert und rollt es senderweit aus. Zahlen will kaum jemand. Ohne Änderung muss er die Entwicklung in den nächsten Monaten einstellen.

Sein Vorschlag: eine kleine Trägerorganisation für Karten nach dem Vorbild von Mozilla, Apache oder W3C, in der Unternehmen, Anstalten und Behörden die gemeinsam genutzte Infrastruktur gemeinsam finanzieren. Über 50 Organisationen hat er dafür öffentlich angeschrieben.

Sabine Grützmacher, die zu digitalen Identitätsinfrastrukturen forscht, teilte den Fall mit einer allgemeineren Wendung: Hier werde eine Infrastruktur gebaut, die unter anderem die ARD nutzt, und es gebe trotzdem keinen Weg, denjenigen, der sie ermöglicht hat, wenigstens bei der Pflege zu unterstützen. Sie verband das mit zwei Debatten, die parallel laufen: der Gemeinnützigkeit gemeinwohlorientierter Open-Source-Arbeit und der Frage, mit welcher Wertschätzung digitales Ehrenamt bedacht wird.

Mein Einwurf setzte auf die Ebene, die zwischen Lizenz und Nutzung fehlt:

Der Fall zeigt eine Lücke, die keine Lizenz schließt: Eine Veröffentlichung erzeugt noch keine Weiterentwicklungsfähigkeit. Dafür braucht es eine Trägerschaft, also einen benannten Ort für Releases, Kompatibilitätszusagen und Sicherheitsupdates, plus ein Budget, das über die Projektlaufzeit hinausreicht. Solange 70 nutzende Organisationen an einer Person hängen, ist die Abhängigkeit nur eine Ebene tiefer gewandert. Kreils Vorschlag einer kleinen Trägerorganisation liegt deshalb auf der richtigen Ebene: gemeinsam finanzierte Infrastruktur ist prüfbar, kündbar und günstiger als der spätere Rückweg zu einem kommerziellen Anbieter.

Offen bleibt, wer den ersten Beitrag zeichnet. Ein Konsortium dieser Art scheitert selten an der Rechtsform und regelmäßig daran, dass jede Organisation auf die andere wartet. Und die grundsätzlichere Frage steht weiter im Raum: Öffentliche Häuser haben eingeübte Verfahren, um Lizenzen zu kaufen, und keine, um Erhaltung zu bezahlen.

Stand: 1. August 2026. Angaben zur Verbreitung nach Michael Kreil. Original-Post.


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