Warum die Frage „EU oder US“ am Kern vorbeigeht
Eine WIRED-Recherche von Matt Burgess zählt inzwischen knapp vierzig europäische Organisationen, die sich von US-Technologie lösen oder es planen. Das EU-Parlament stellt die Standardsuche auf Qwant um. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wirft Microsoft Office raus, nachdem die USA Sanktionen gegen eigene Mitarbeiter verhängt hatten. Das österreichische Bundesheer zieht über sechzehntausend Arbeitsplätze auf LibreOffice und Linux. Die niederländische Zentralbank holt ihre Cloud zu einem europäischen Anbieter. Burgess sagt selbst, das sei die Zählung eines einzelnen Reporters, kein amtliches Register. Genau das macht sie aussagekräftig. Wenn ein Journalist nebenbei vierzig Fälle zusammenträgt, ist das keine Anekdote mehr, sondern eine Richtung.
Die Debatte, die sich daran entzündet, dreht sich fast immer um Herkunft. Europäisch oder amerikanisch, eigener Code oder geliehener, Server hier oder dort. Diese Achse führt in die Irre. Die Herkunft eines Anbieters sagt wenig darüber, wie abhängig man von ihm ist. Sie sagt nur, unter welcher Flagge die Abhängigkeit fährt.
Die tragende Frage ist eine andere: Kommt man wieder weg, und zu welchem Preis. Der Fall des Strafgerichtshofs zeigt es im Reinzustand. Das Problem war dort nicht, dass Microsoft ein US-Unternehmen ist. Das Problem war, dass ein Dritter von außen den Zugang beeinflussen konnte und das Gericht keinen schnellen Ausweg hatte. Souveränität entscheidet sich an dieser Stelle: Wer kann den Schalter umlegen, unter wessen Recht steht das Unternehmen, das ihn in der Hand hält, und wie teuer ist es, sich dem zu entziehen. Eine europäische Cloud, die man genauso wenig verlassen kann wie die alte, hat das Grundproblem nur umlackiert.
Daraus folgt ein nüchterner Maßstab. Eine Migration ist nicht dann souverän, wenn der neue Anbieter ein europäischer Pass hat, sondern wenn der Wechsel überhaupt möglich war und der nächste Wechsel ebenfalls möglich bliebe. Reversibilität ist die Eigenschaft, die zählt. Sie lässt sich sogar beziffern: an den Datenformaten, an offenen Schnittstellen, an der Frage, ob der eigene Bestand exportierbar ist, an den Kosten und der Dauer eines Ausstiegs. Offener Quellcode ist hier wertvoll, aber nicht wegen seiner Herkunft. Er ist wertvoll, weil man ihn forken, selbst betreiben und zu eigenen Bedingungen verlassen kann. Das ZenDiS baut mit openDesk genau auf dieser Logik, die Berliner Open-Source-Strategie formuliert sie als Prinzip.
Es gibt eine zweite Achse, die in der Liste fast überall fehlt: zentral gegen dezentral. Ein Schalter, den niemand zentral baut, ist ein Schalter, den niemand zentral umlegen kann. Deutschland hat das bei seinem B2B-E-Rechnungs-Meldeweg gerade entschieden, vermutlich aus pragmatischen Gründen, im Ergebnis aber souveränitätsrelevant: kein zentrales staatliches Clearing wie in Italien, wo jede Rechnung über einen Regierungsserver läuft, sondern dezentraler Austausch zwischen den Beteiligten, ohne vorgeschriebene Plattform. Über die Geschwindigkeit dieses Wegs kann man streiten. Strukturell heißt er, dass es keinen einzelnen Punkt gibt, den jemand kapern, überlasten oder abschalten könnte. Wer Abhängigkeit gar nicht erst zentralisiert, muss sie später nicht mühsam entflechten.
Beide Achsen zusammen ergeben einen anderen Blick auf die WIRED-Liste. Die meisten Einträge sind keine fertigen Migrationen, sondern politische Beschlüsse oder Piloten. Das ist kein Vorwurf, aber es verändert den Maßstab. Die ehrliche Kennzahl ist nicht „wir sind gewechselt“, sondern „wir könnten zurück- oder weiterwechseln, und wir kennen den Preis“. Wer nur die Herkunft tauscht und die Reversibilität nicht mitkauft, hat das Risiko verschoben, nicht gesenkt.
Für die Praxis heißt das vor allem eines, und es betrifft jede Ausschreibung, nicht nur die der Behörden. Die erste Frage an eine Plattform sollte nicht lauten, wo die Daten liegen, sondern was es kostet, sie wieder herauszuholen, und wer den Schalter in der Hand hält. Herkunft ist dafür ein Hilfsmaß, und ein schwaches. Reversibilität ist das eigentliche Maß. Was der Staat heute für seine sensibelsten Daten so entscheidet, steht morgen im Lastenheft der Kunden, die ihm zuliefern.

