Was Wildberger fordert, gibt es seit 1996

Wenn der Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung einen Satz hat, an dem sich seine ganze Linie ablesen lässt, dann diesen: „Deutschland denkt in Projekten, nicht in Produkten.“ Karsten Wildberger hat ihn im Frühjahr 2026 als Hauptthese eines Handelsblatt-Gastkommentars formuliert. [^s138] Sieben Monate zuvor hatte er denselben Gedanken in einer Regierungserklärung im Bundestag in eine programmatische Modernisierungsagenda gegossen. [^s139] Vier Wochen nach Amtsübernahme, im September 2025, hatte er die Linie erstmals beim CEO Round Table von Sopra Steria und Table.Briefings in Berlin angedeutet, mit der Metapher vom „bürokratischen Beton“, der systematisch abgebaut werden müsse. [^s140] Drei Auftritte, ein Halbjahres-Bogen, eine Linie.

Die These ist scharf, sie ist richtig, und sie verdient Unterstützung. Was sie zusätzlich verdient, ist eine Beobachtung, die in der politischen Debatte selten ausgesprochen wird: Was Wildberger fordert, gibt es längst. Er muss es nicht erfinden. Er muss es übertragen.

Wildbergers eigene Definition

Wildberger gibt im Handelsblatt-Gastkommentar selbst die Trennlinie: „Ein Projekt hat einen Anfang, ein Ende und ein Budget. Ein Produkt hat einen Lebenszyklus, eine Nutzerbasis und einen Markt.“ [^s138] Daraus lassen sich vier operative Merkmale ablesen, die ein Vorhaben überhaupt zum Produkt machen.

Lebenszyklus. Ein Produkt endet nicht mit der Abnahme, sondern beginnt dort. Es trägt jährliche Anpassungen, Major-Releases, Plattform-Wechsel, geplant und finanziert. Ein Projekt endet im Lastenheft.

Roadmap und Release-Disziplin. Ein Produkt hat eine sichtbare Weiterentwicklungslogik. Was wann eingespielt wird, ist versioniert, kommuniziert, mit Übergangsfristen versehen. Ein Projekt hat einen Endtermin.

Nutzerbasis. Ein Produkt hat Menschen, die es täglich benutzen, die ihm Anforderungen rückspielen, deren Verhalten in Telemetrie und Support sichtbar wird. Ein Projekt hat einen Auftraggeber.

Plattform-Charakter. Ein Produkt trägt mehrere Anwendungen oder Use Cases. Es ist eine Basis, auf der Lösungen entstehen, kein Solitär. Ein Projekt ist eine Einzellösung.

Diese vier Merkmale sind nicht abstrakt. Sie lassen sich an einem konkreten Vorhaben prüfen. Im deutschen Public Sector gibt es ein Vorhaben, das alle vier seit drei Jahrzehnten erfüllt.

ELSTER auf den Wildberger-Merkmalen geprüft

ELSTER ist die elektronische Steuererklärung der deutschen Finanzverwaltung. Begonnen 1996 als KONSENS-Vorhaben des Bayerischen Landesamts für Steuern, [^s084] heute genutzt von Millionen Steuerpflichtigen und allen Finanzämtern in Deutschland, föderal organisiert, unter Bayern-Lead-Rolle. [^s090][^s091]

Auf alle vier Wildberger-Merkmale geprüft:

Lebenszyklus seit 1996. Dreißig Jahre, in denen das System nicht stillgestanden hat. Jede Steueränderung wird zum nächstmöglichen Veranlagungszeitraum eingespielt, als Release, nicht als Neubau. Die Logik der Bundessteuerverwaltung läuft seit drei Jahrzehnten als kontinuierlich gepflegtes Produkt, mit Major-Releases bei jeder größeren Reform und Minor-Releases im Jahresrhythmus.

Roadmap und Release-Disziplin. Die KONSENS-Magazine 2024 und 2025 dokumentieren die Release-Planung über mehrere Jahre. [^s090][^s091] Was wann kommt, ist im Verbund Bund-Länder abgestimmt. Übergangsfristen sind dokumentiert. Versionen werden eingefroren, neue Versionen abgelöst, alte Versionen archiviert. Das ist Software-Engineering-Disziplin auf einem deutschen Verwaltungsverfahren angewendet.

Nutzerbasis. Über sechs Millionen elektronische Einkommensteuererklärungen pro Jahr, dazu Lohnsteuer, Gewerbesteuer, Umsatzsteuer, Steuerberater-Schnittstellen, Arbeitgeber-Schnittstellen. Die Nutzerbasis verlangt, kommentiert, drängt, korrigiert, und die Plattform reagiert. Das ist der Unterschied zwischen einem Verwaltungsverfahren mit Millionen Antragstellern und einem Vorhaben, dessen Auftraggeber nach Abnahme verschwindet.

Plattform-Charakter. ELSTER ist kein Einzelverfahren, sondern eine Plattform, auf der weitere Verfahren laufen. Im Hintergrundpapier zur Registermodernisierung ist die Schlüsselrolle der ELSTER-Identifikationsdaten für den NOOTS-Datenaustausch dokumentiert. [^s101] Die ELSTER-Plattform ist damit nicht ein Steuerprodukt. Sie ist eine Verwaltungs-Plattform, auf der weitere Anwendungen aufsetzen.

Vier Merkmale, alle erfüllt, seit drei Jahrzehnten. Wenn Wildberger nach einem Beispiel sucht, das seine These trägt, muss er nicht international suchen. Eine bemerkenswerte Stelle in seinem Handelsblatt-Gastkommentar zeigt die Unsichtbarkeit dieser Substanz: Er beschreibt deutsche Verwaltungs-IT als Produktion „exzellenter Bausteine […] vom Zugang für die digitale Verwaltung BundID über die elektronische Steuererklärung Elster bis zu unzähligen Verwaltungsdiensten —, aber keine Plattformen, die landesweit einheitliche Lösungen anbieten“. [^s138] ELSTER steht in dieser Aufzählung als Beispiel für den Baustein-Reflex. Eine Bildunterschrift im selben Artikel zeigt dieselbe Lesart: „Verschiedene Dienste miteinander verbinden.“

Das ist eine doppelte Ironie. Wildberger sieht die Webseite elster.de. Er sieht nicht die Architektur darunter. Plattformen sind in Verwaltungs-Diskursen genau dann unsichtbar, wenn sie funktionieren.

Die Plattform unter dem Produkt: A12

Unter ELSTER liegt eine technische Plattform, die selbst nach derselben Produkt-Logik betrieben wird: A12. Ursprünglich von mgm technology partners als Enterprise-Plattform entwickelt, seit Mitte der 2010er Jahre die technische Basis von ELSTER und mehreren weiteren Verfahren in Verwaltung und Wirtschaft. [^s075] Im April 2026 wurde angekündigt, A12 ab Mai 2026 unter Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen. [^s079]

Auch hier alle vier Merkmale:

Lebenszyklus. A12 läuft seit über einem Jahrzehnt. Project Standards dokumentieren die Disziplin der gepflegten Weiterentwicklung, mit Major-Releases, Migrations-Pfaden, definierten Übergängen zwischen Versionen. [^s077] In den Backstage-Session-Reihen werden technische Architekturentscheidungen öffentlich gemacht und kommentiert. [^s083] Das ist Produkt-Logik mit Release-Disziplin.

Nutzerbasis und Plattform-Charakter. Auf A12 laufen mehrere Verfahren: ELSTER, [^s084] einfachELSTERplus als Erweiterungs-Linie, [^s085] das OZG-Antragsportal der Steuerberaterkammern (föderal nachgenutzt zwischen mehreren Kammern). [^s087] Eine Plattform, mehrere Anwendungen, ein gemeinsamer Weiterentwicklungspfad.

Open-Source-Schritt 2026. Mit der OSS-Veröffentlichung von A12 ab Mai 2026 erweitert sich die Nutzerbasis explizit über die bisherigen Kunden hinaus. [^s079] Das ist die operative Konsequenz aus Plattform-Logik: Wer ein Produkt hat, baut eine Nutzer-Community, nicht nur eine Kundenliste. Zugleich verschwindet damit das Vendor-Lock-in-Argument aus der Diskussion über A12 als Verwaltungs-Plattform.

Wildberger fordert in seinem Gastkommentar „eine Plattformstrategie“. Im deutschen Verwaltungsalltag gibt es bereits eine, die diese Strategie technisch ausführt. Sie trägt ELSTER seit Mitte der 2010er Jahre und wird ab Mai 2026 als Open Source verfügbar.

Anker-Kunde Staat ist nicht abstrakt

Wildberger benutzt einen zweiten Begriff, der für die Plattform-Diskussion zentral ist: Anker-Kunde Staat. In der Maybrit-Illner-Sendung am 07.05.2026 hat er ihn auf die Frage nach Glasfaser-Quote in Rumänien angewendet: „Das liegt daran, dass Rumänien vor allen Dingen keine Kupferleitungen hatte. Das heißt, wir haben nicht alte Infrastruktur, die langsam ausgewechselt werden muss.“ [^s167] Das Argument ist präziser als die übliche Rumänien-Lobpreisung: Es geht nicht darum, dass Rumänien an sich vorbildlich wäre. Es geht darum, dass die Abwesenheit von Altlasten Sprünge ermöglicht, die in Deutschland an gewachsenen Strukturen scheitern.

Der zugehörige Frame „Anker-Kunde Staat“ (analog DARPA, China) beschreibt eine staatliche Beschaffungs- und Entwicklungslogik, in der Verwaltung als verlässlicher Erst-Kunde Innovation ermöglicht. [^s167] Auch dieses Argument hat eine deutsche Ausprägung, die in der Debatte selten genannt wird. KONSENS ist eine Bund-Länder-Trägerschaft, die ELSTER seit 1996 finanziert, pflegt und föderal anschlussfähig hält. [^s090][^s091] Das ist Anker-Kunde Staat in Funktion: ein Plattform-Verfahren, das durch dauerhafte staatliche Trägerschaft entstehen konnte und sich heute selbst trägt.

Wildbergers Diagnose, Deutschland habe keinen Anker-Kunden Staat, stimmt in der Breite. Sie stimmt nicht in der Steuerverwaltung. Genau dort lässt sich studieren, wie der Anker-Kunde Staat in Deutschland funktioniert: föderal, mit klarer Lead-Rolle, mit Release-Disziplin, mit Plattform-Charakter, mit Nachnutzung.

Drei Lehren für die Modernisierungsagenda

Die Modernisierungsagenda der Bundesregierung [^s139] formuliert fünf Handlungsfelder, achtzig Maßnahmen, dreiundzwanzig Schlüsselprojekte. Wenn diese Agenda Wildbergers eigener Linie folgen soll, also nicht als Projekt-Liste, sondern als Produkt-Liste umgesetzt werden soll, lassen sich aus der ELSTER-Erfahrung drei konkrete Lehren ableiten.

Erstens: Trägerschaft als Plattform-Produkt, nicht als Vorhaben-Projekt. ELSTER funktioniert, weil eine federführende Behörde das Produkt dauerhaft trägt, mit Personal, Budget, Roadmap, Release-Disziplin. [^s084] Bei den Schlüsselprojekten der Modernisierungsagenda muss die Frage „Wer trägt das nach Inbetriebnahme?“ beantwortet sein, bevor die Inbetriebnahme stattfindet. Sonst entstehen Vorhaben, die nach Abschluss verwaisen. Genau das, was Wildberger benennt.

Zweitens: Föderale Nachnutzung als Designprinzip. ELSTER ist föderal nachgenutzt, weil es technisch und vertraglich darauf ausgelegt ist. [^s086][^s090][^s091] Andere Bundesländer schließen sich an, ohne das System neu zu bauen. Das ist Architektur, nicht Glück. Die Modernisierungsagenda muss bei ihren Schlüsselprojekten von Tag eins die föderale Anschlussfähigkeit mitbauen: mit Open-Source-Lizenzen, dokumentierten Schnittstellen, klar geregelten Mitfinanzierungs- und Mitnutzungs-Modellen.

Drittens: Plattform-Logik als Substrat, nicht als Folgeentscheidung. A12 trägt mehrere Verfahren, weil ELSTER von Anfang an als Plattform-Anwendung konzipiert wurde, nicht als Solitär. Wer Produkte will, braucht eine Plattform darunter. Diese wird nicht im Einzelvorhaben aufgesetzt, sondern als Querschnitts-Investition. Der Deutschland-Stack-Begriff bekommt damit eine konkrete Konkretion: die Plattform unter ELSTER ist eine der wenigen vorhandenen Realisierungen dessen, was der Stack als Anspruch formuliert.

Was daraus folgt

Wildbergers These ist keine Provokation, die in der deutschen Verwaltungspraxis erst neu erfunden werden muss. Sie ist eine Beschreibung, die sich an einem prominenten Beispiel seit 1996 empirisch verfolgen lässt. ELSTER und die A12-Plattform darunter sind das funktionierende Vorbild. Was die Modernisierungsagenda und die Schlüsselprojekte des BMDS jetzt brauchen, ist keine neue Theorie der Plattformstrategie. Sie haben sie. Sie brauchen die Disziplin der Übertragung: Trägerschaft, föderale Nachnutzung, Plattform-Logik. Drei Eigenschaften, die in der Steuerverwaltung seit drei Jahrzehnten geübt sind und in anderen Verwaltungsfeldern selten ankommen.

Die ELSTER-Erfahrung ist deshalb mehr als ein technisches Detail. Sie ist der Beleg, dass die Wildberger-Linie nicht ehrgeizig ist, sondern realistisch. Wer in Produkten denken will, kann es lernen, bei einem System, das es längst tut. Wildbergers Aufgabe in den nächsten Jahren ist nicht, das Rad zu erfinden. Es ist, die schon vorhandene Speiche an die übrigen Räder anzubringen.

„Deutschland denkt in Projekten, nicht in Produkten.“ Das Statement stimmt. Die Steuerverwaltung ist die Ausnahme, die die Regel widerlegt. Genau diese Ausnahme verdient politische Sichtbarkeit und systematische Übertragung.


Disclosure: Der Autor arbeitet bei mgm technology partners, dem Hersteller von A12. Diese Beobachtung und ihre Argumentation sind seine persönliche Lesart der Wildberger-Linie. Die in den Fußnoten zitierten Quellen sind sämtlich öffentlich; ELSTER und KONSENS werden von der bayerischen Steuerverwaltung und ihren Bund-Länder-Partnern getragen, nicht von mgm.

Grundlage dieser Serie sind Gespräche mit Projektleiter:innen in öffentlicher Verwaltung und Industrie über Probleme, an denen sie arbeiten, und Stellen, wo es hakt. Verdichtete Beobachtungen, keine Strategiepapiere.


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